Interview

„Eigentlich sollte ich Schornsteinfeger werden“


Mit 15 Jahren haben Sie Ihre Ausbildung in der Verwaltung begonnen – hätten Sie damals gedacht, dass Sie einmal Bürgermeister werden?

Nein, ich habe mich damals ohne Wissen meiner Eltern bei der Verwaltung beworben. Wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, wäre ich Schornsteinfeger geworden. Das war schon alles in trockenen Tüchern. Vier Wochen vor Ausbildungsbeginn hatte ich mich umentschieden, nachdem in der Schule gefragt wurde, ob jemand in den öffentlichen Dienst möchte. Meine Eltern betrieben eine Gaststätte. Von meiner Planänderung erfuhren sie ausgerechnet dort – und zwar durch Ratsmitglieder, die bei ihnen zu Gast waren.

Und wie war der Einstieg?

Das war schon eine komische Welt. Damals war Verwaltung sehr steif. Dienstbeginn um 7:00Uhr im Rathaus. Heute sind die Arbeitszeiten im öffentlichen Dienst zum Glück deutlich flexibler. Insgesamt bin ich da ein wenig reingestolpert. Ich war ganz überrascht, als es hieß, dass es jetzt erst einmal zur Ausbildung nach Mayen geht.

Auch die ungeschriebenen Gesetze musste ich erst einmal lernen. Zuerst hat man mir die Zeitung hingelegt und gesagt, dass ich sie jeden morgen lesen solle. Das habe ich natürlich auch brav getan. Dass ich die Zeitung aber schnell weglegen musste, sobald der Büroleiter kam, hatte mir niemand gesagt.

Sie waren Auszubildender, Sachbearbeiter, Fachbereichsleiter, Büroleiter und heute Bürgermeister. Welche Station Ihrer Laufbahn hat Sie am stärksten geprägt – und warum?

Jede Station hat mich geprägt. Besonders wichtig war jedoch die Zeit als persönlicher Referent des Bürgermeisters. Da ist man nah dran, schreibt Reden, nimmt an Sitzungen teil, schreibt Protokolle und bekommt viel von der Denk- und Arbeitsweise des Bürgermeisters mit. Hängen geblieben ist vor allem das Credo: „Wir gehen nie in Sitzungen rein, ohne eine eigene Meinung zu haben.“ Die Jobstationen haben aber auch gezeigt, dass jeder Bürgermeister anders war. Letztlich konnte ich von jedem etwas lernen.

Als Sie 1976 angefangen haben, wurde vieles noch mit Schreibmaschine und Aktenordner erledigt. Heute sprechen wir über KI und digitale Verwaltung und die Verbandsgemeinde ist als digitales Dorf Vorreiter. Was hat Sie in diesen 50 Jahren am meisten beeindruckt?

Die schnelle Entwicklung in der Verwaltung hat mich am meisten beeindruckt. Als ich für die EDV zuständig war, haben wir den ersten Computer angeschafft – für das Standesamt. Heute ist das kaum noch vorstellbar. Früher gab es im Einwohnermeldeamt für jede Bürgerin und jeden Bürger eine Karteikarte, Daten wurden über Lochkarten verarbeitet und Bescheide entsprechend erstellt. Das war enorm aufwendig.

Auch an das erste Faxgerät erinnere ich mich noch gut – es kostete rund 5.000 Mark. Haushaltspläne mussten kopiert und anschließend von den Auszubildenden im Sitzungssaal von Hand sortiert werden, weil der Kopierer das nicht konnte. Heute erledigen Computer solche Aufgaben in kürzester Zeit. Das Wählerverzeichnis, für dessen Ausdruck früher zwei Nächte nötig waren, ist heute in etwa einer Stunde fertig.

Aber trotz aller technischen Veränderungen dürfen wir nie vergessen: Wir sind für die Bürger da und nicht umgekehrt. Das ist seit 50 Jahren unverändert geblieben und es ist mir wichtig, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das verinnerlichen.

Wenn Sie Ihrem 15-jährigen Azubi-Ich einen Rat geben könnten – welcher wäre das?

Sei mutig und verdiene Dir Dein Vertrauen.


Das Interview führte Agneta Psczolla, Leiterin der Geschäftsstelle des Gemeinde- und Städtebundes Rheinland-Pfalz e. V.